Der bewaffnete Pallisadenwurm. Sclerostomum armatum. Strongylus armatus.

Fast ein Jahrhundert hindurch schien es, als ob der bewaffnete Pallisadenwurm als Schmarotzer des Pferdes nur ein zoologisches Interesse habe und eine nachtheilige Wirkung nicht herbeiführen könne. In den letzten 30 Jahren wurde zwar von einigen Thierärzten gelegentlich behauptet, dass das Aneurysma der vorderen Gekrösarterie mit dem tödtlichen Verlaufe einer Kolik in Verbindung gestanden habe. Mit wissen­schaftlicher Sicherheit hat aber erst Bollinger („Die Kolik der Pferde und das Wurmaneurysma der Eingeweidearterien", München 1870) die Beziehungen der Palli-sadenwürmer zu den embolischen und thrombotischen Störungen im Dünn- und Dick­darm erkannt. Nachdem die verdienstvolle Arbeit Bollinger's allseitig gewürdigt war, konnte der wesentliche Inhalt derselben nicht mehr bestritten werden. Nur in der Angabe, dass in der Mehrzahl der Fälle die Entstehung der Kolik von dem Para­sitismus der Pallisadenwürmer resp. seinen Folgezuständen bedingt sei, hat die that-sächliche Erfahrung die Voraussetzung Bollinger's nicht bestätigt.

Nach der Darstellung von Zürn (Thierische Parasiten) ist die Entwickelungs-geschichte des Strongylus armatus durch die Untersuchungen Leuckart's kenntlich gemacht worden. Die früher von Rudolphi und Gurlt als grössere Varietät des Strongylus armatus beurtheilten Eingeweidewürmer, die im Blind- und Grimmdarm des Pferdes und Esels leben, sind die vollkommen entwickelten resp. geschlechtsreif gewordenen Thiere, deren Larven (im Sinne der älteren Autoren die kleinere Varietät des Strongylus armatus) an den Wandungen einzelner Arterien, namentlich der vorderen Gekrösarterie schmarotzen. Die im Grimm- und Blinddarm lebenden Stron-gyli armati begatten sich; die Eier der weiblichen Schmarotzer gelangen mit den Ex-crementen nach aussen. „Auf feuchtem Boden, im Schlamm etc. entwickeln sich ziemlich schnell die von einer nur dünnen Schale umgebenen Embryonen, in warmer Jahreszeit schon innerhalb 3—4 Tage. Sie schlüpfen aus, suchen in Wasser oder Schlamm zu gerathen, um hier als frei lebende Nematoden (Rhabditiden) — also als Nichtparasiten — Nahrung zu suchen. Diese Larven gelangen mit dem Trinkwasser in den Darmkanal und von hier aus in die Arterien".

In der grossen Mehrzahl der Fälle siedeln sich die Strongyli resp. die Larven derselben im Stamme der vorderen Gekrösarterie an. Zuweilen werden dieselben in der Bauchschlagader, in der hinteren Gekrösarterie oder in den Nierenarterien ge­funden. Ob sie mit dem Blutstrom dorthin gelangen oder sich vom Darm aus durch die Organe einen Weg in die Arterienwand bahnen, ist nicht festgestellt. Bollinger (1. c. S. 89) berechnet nach den von Hering und ihm an 100 Pferden bewirkten Sectionen, dass bei denselben in der vorderen Gekrösarterie und ihren Aesten 153, in der Bauchschlagader 4, in der Leberarterie 3, in der hinteren Gekrösarterie 3, in der Nierenarterie 3 und in der Bauchaorta 2 Aneurysmen bestanden.

Durch die Ansiedelung der Würmer verliert die Intima der Arterien ihre intacte Beschaffenheit. Es entsteht eine chronische Endoarteriitis. In Folge dessen schlägt sich Blutflbrin an der Arterienwand nieder (parietale Thrombose). Der Thrombus im Stamme der vorderen Gekrösarterie kann erbsen- bis haselnussgross sein, aber auch den Umfang eines Hühnereies bis eines Gänseeies erreichen. Da das Lumen der Arterie sich erweitert (Aneurysma), so erleidet der Blutstrom durch den Thrombus der Regel nach keine erhebliche Beschränkung.

Das durch den Parasitismus des Strongylus armatus verursachte Aneurysma (Wurm-Aneurysma, Aneurysma verminosum) der vorderen Gekrösarterie findet sich, worauf Hering schon im Jahre 1830 aufmerksam machte, bei der Mehr­zahl der Pferde. Nach den Forschungen Bollinger's erweisen sich 90—94 Procent sämmtlicher Pferde mit demselben behaftet. Je älter die Pferde sind, um so seltener fehlt das Aneurysma. Wie Bollinger zuerst festgestellt und Lustig bestätigt hat, kann dasselbe schon bei halbjährigen Fohlen vorkommen. — An der Intima und in dem Thrombus des aneurysmatisch erweiterten Gefässes liegen die Strongyli: oft nur einige, zuweilen mehrere Dutzend, nach Bollinger durchschnittlich 9 Exemplare. Mitunter setzt sich die Thrombose fort in das Lumen eines der Stämme, welche aus dem Hauptstamme der vorderen Gekrösarterie entspringen. Auch kann in der oberen, oder in der unteren Grimmdarmarterie oder in der Hüft-Blinddarmarterie eine ziemlich ausgedehnte Parietalthrombose mit Erweiterung des betreffenden Gefässes zu Stande kommen. Weshalb die Larven des Strongylus armatus gerade die vordere Gekrösarterie als Wohnstätte bevorzugen, ist nicht bekannt. In einzelnen Fällen dringen sie in die Bauchschlagader oder in die hintere Gekrösarterie, auch in den Bauchtheil der Aorta selbst und in die Nierenarterien. Die Veränderungen, die sie hier hervorrufen, sind denjenigen in der vorderen Gekrösarterie ganz analog. Die krankhaften Folgen, welche das Aneurysma verminosum in einem der be­zeichneten Aortenstämme herbeiführen kann, bestimmen sich vorzugsweise durch die Ausdehnung und durch die Beschaffenheit des Thrombus. Für die allgemeine Beur-theilung dieser Verhältnisse ist die Thatsache zu beachten, dass bei der grossen Mehr­zahl der Pferde die Thrombose in den Wurm-Aneurysmen und insbesondere in dem­jenigen der vorderen Gekrösarterie keine nachtheilige Wirkung hat. In den Cadavern finden sich die Arterien, soweit sie parietale Thromben enthalten, eng zusammen­gezogen. Aus Irrthum wird zuweilen angenommen, dass das Lumen derselben intra vitam in gleichem Grade verengt gewesen ist. Die Ansicht, dass durch die Throm­bose der vorderen Gekrösarterie oder des einen oder anderen ihrer Aeste die Zufuhr von arteriellem Blute zum Colon und Coecum erheblich beschränkt und dass in Folge dessen eine Kolik oder eine Lageveränderung des Darms herbeigeführt werde, bedarf daher in concreto einer vorsichtigen Prüfung. Ich habe an einem grossen Erfahrungs­material nicht die Ueberzeugung gewinnen können, dass die in Rede stehende Throm­bose nach dieser Richtung eine häufige Ursache der Kolik ist. — Soweit der Throm­bus sich organisirt, bedingt er keine erhebliche Störung der Circulation. Eine nach­theilige Wirkung tritt auch der Regel nach nicht ein, so lange derselbe eine feste Consistenz hat. Im Wesentlichen liegt demnach die Gefahr darin, dass die Cohäsion des Thrombus sich verringert und dass in Folge dessen Partikel desselben losgelöst und in den einen oder anderen von den arteriellen Aesten der vorderen Gekrösarterie fortgeschwemmt werden. — Die Erweichung des Thrombus hat in vielen Fällen den Charakter desjenigen Vorganges, den Virchow die „puriforme Schmelzung" genannt hat. Nicht selten wird aber die Festigkeit des Thrombus in der vorderen Gekrösarterie lediglich dadurch verringert, dass das Blut in Folge von Athmungs-insufficienz oder von anderweitigen Intoxicationen eine abnorme Mischung erlangt und die thrombotischen Massen an ihrer Oberfläche imbibirt.

Hinsichtlich der Krankheiten, welche durch den Parasitismus des Strongylus armatus, bezw. durch die Wurm-Aneurysmen der Eingeweide­arterien entstehen können, ist Folgendes hervorzuheben.

1) Autochthone Verstopfung der vorderen Gekrösarterie und ihrer Aeste. Die sich wiederholende schichtenweise Ansetzung von Fibrin an den parietalen Thrombus kann den aneurysmatischen Gefässbezirk schliesslich obstruiren. Indess ist hierbei die Möglichkeit einer „Kanalisirung" des Thrombus in Betracht zu ziehen, bei welcher die Blut­zufuhr zu den betreffenden Darmtheilen sich genügend erhält. Gefährlicher ist die Fortsetzung des Thrombus aus dem Hauptstamm in die Aeste. Hier­durch kann der Eintritt des Blutes in die betreffende Arterie theilweise abgesperrt werden und es ist erklärlich, dass die Function des Darmtheils wegen Mangel an sauerstoffhaltigem Blut und durch rückläufige Stauung in den venösen Capillaren erheblich beschränkt werden muss. Indess beweist die thatsächliche Erfahrung, dass diese Störung der Blutcircu-lation im Darm nur selten vorkommt. Gefährlich ist, wie Bollinger (1. c. S. 168) hervorhebt, die sich schnell vollziehende thrombotische Verstopfung einer grösseren Darmarterie, weil dann eine Compensation durch Collateralgefässe nicht stattfinden kann. Für die ßeurtheilung der obstruirenden Parietalthromböse in der oberen oder unteren Grimm­darmarterie ist aber zu beachten, dass beide Arterien durch den Gefäss-bogen an der Beckenflexur anastomosiren und dass daher die autoch-thone Verstopfung an einer relativ kleinen Partie keine krankhafte Be­deutung erlangt. Wird die Zufuhr von arteriellem Blut zu einem grösseren Theile des Grimmdarms oder Blinddarms versperrt, so erfolgt Lähmung der Darmmuskulatur, sowie eine hämorrhagische Infiltration und Schwel­lung der Mucosa und Submucosa. Die betreffenden Pferde erkranken unter dem Bilde einer schleichend verlaufenden Kolik und gehen stets nach wenigen Tagen an Darmentzündung zu Grunde.

2) Embolische Verstopfung der von der Arteria ileo-coeco-colica entspringenden Darmarterien. Nach Bollinger sollen die durch minimale Emboli im Dünndarm oder im Dickdarm herbeigeführten hämorrhagischen Infarcte mit Zurücklassung von pigmentirten sklerotischen Platten abheilen. Auch die bei den Sectionen so häufig gefundenen Ueberreste einer günstig abgelaufenen Peritonitis führt derselbe auf embolische Infarcte zurück. Ob diese Annahme zutrifft, lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Indess ist nach der gegenwärtigen Erfahrung eine andere Ursache für die pfriemenförmigen Excrescenzen und schwartigen Verdickungen am Peritoneum vieler junger und alter Pferde nicht bekannt. Die Bedeutung der embolischen Verstopfung einer Grimm­darmarterie richtet sich nach der Grösse der Emboli. Sehr kleine Pfropfe können die arteriellen Oapillaren in der Dickdarmschleimhaut verstopfen und hämorrhagische Infarcte mit blutigen Ergüssen in den Darminhalt, selbst multiple oberflächliche Mortificationen und Ulcerationen in derSchleimhaut veranlassen. („Thrombotisch-embolische, hämor­rhagische Gas tro-Enteritis" nach Friedberger).

Ein einzelnes, vom Thrombus in der vorderen Gekrösarterie oder in ihren Aesten losgelöstes Stückchen dringt nicht selten bis in den Gefässbogen an der Beckenflexur des Colon. Auch dieser Embolie folgt eine Infarcirung der Darmschleimhaut in geringem Umfange. Aber durch die Entwickelung der collateralen Blutbahnen erhält sich die Nutrition der Darmwand und die Entzündung kann vollständig abheilen. Bei der Section alter Pferde findet sich der Gefässbogen an der Becken­flexur zuweilen vollständig obliterirt und die Darmwand stellenweise durch narbiges Bindegewebe verdickt, was auf das hier geschilderte Ver-hältniss zu beziehen ist. Sehr oft folgt dem embolischen Gefässabschluss, namentlich wenn der Embolus relativ gross ist, die Thrombose der Grimmdarmarterie; oder es gelangen nacheinander mehrere Emboli in das Gefäss. Dieser Zustand bewirkt immer eine Lähmung des Grimmdarms, starke Blut­stauung in den Venen, hämorrhagische Durchtränkung und Schwellung der Schleimhaut mit Abscheidung blutiger Flüssigkeit in den Darm. Der Inhalt des gelähmten Darms zersetzt sich und in der Schleimhaut ent­steht eine diffuse hämorrhagische Entzündung, nicht selten auch noch eine oberflächliche Mortification. Zuweilen werden in einer Partie der Darmwand von dem Umfange eines Gänseeies oder eines menschlichen Kopfes die kleinen Arterien von der Embolie betroffen. Dann verfällt das Stück der Nekrose, die sich durch eine deutliche Demarcationslinie von der Nachbarschaft abgrenzt. Wenn die Pferde der schweren Darmentzündung nicht in kurzer Zeit erliegen, so folgt der Nekrose eine hämorrhagische oder hämorrhagisch-eiterige und fibrinöse Peritonitis. In einzelnen Fällen wird die Darmwand in der Peripherie des nekrotischen Stückes an die- Nachbarschaft angelöthet. Hierbei können die betreffenden Pferde mehrere Tage am Leben bleiben. Ich habe zwei Fälle behandelt, in welchen zwischen beiden linken Lagen des Colon eine vollständige Verwachsung erfolgte und die Pferde erst nach mehreren Wochen unter den Symptomen eines erschöpfenden Durchfalls zu Grunde gingen. — Ist der Grimmdarm mit Futterstoffen stark belastet oder durch Gase ausgedehnt, so erfolgt zuweilen die Berstung der Darmwand und durch den finger-bis handlangen Riss der Austritt von Darminhalt in die Bauchhöhle. Wenn eine grössere Quantität von Gasen und flüssigem Futterbrei in die Bauchhöhle gelangt, so sterben die Pferde innerhalb weniger Stunden an Blutvergiftung. Im anderen Falle kommt zuvor noch eine acute per-niciöse Peritonitis zur Ausbildung.