Das legitime Organ für das Schmarotzerthum der Bremsenlarven ist der Magen. Am meisten erfolgt die Ansiedelung in der Schleimhaut der Portio cardiaca, zum Theil auch in der Portio pylorica und im Duodenum. In einer kleinen Minderzahl der Fälle setzen sie sich im Schlünde, in der Rachenhöhle oder im Kehlkopfe fest. Das Vorkommen in anderen Organen wird von den Autoren mit Recht als eine „Ver-irrung" gedeutet. — Die ursprünglich sehr kloinen Larven bohren sich mit ihren Mundhaken in die Schleimhaut, in welcher sie ziemlich fest haften, ohne eine eigent­liche Verletzung zu bewirken. Durch ihr Wachsthum erweitern sich die Gruben, in welchen sie stecken. Im Magen wohnen sie meist dicht nebeneinander, so dass sie förmliche Haufen von Taubenei- bis Faustgrösse bilden. Sie kommen aber auch ver­einzelt vor. In der Schleimhaut der Rachenhöhle oder des Kehlkopfes siedeln sich nur einzelne Exemplare an.

Die Bedeutung der Bremsenlarven als Ursache von Krankheiten ist seit jeher und bis zur Gegenwart vielfach überschätzt worden. Eine rühmliche Ausnahme macht Greve (Erf. u. Beob., L, 1818, S. 194), der das Schmarotzerthum der Larven als unschädlich ansieht. Dass die Thierärzte bis zur Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts den Befund der Larven mit der Kolik, mit Krämpfen, oder mit schweren acuten Ent-zündungsprocessen in Verbindung brachten, kann nach dem früheren Standpunkte der Wissenschaft nicht befremden. Ich erachte es aber nicht für thunlich, die betreffenden Angaben der älteren Autoren ohne nähere Prüfung als thatsächlich begründet anzusehen und hiernach die Gefahr der Bremsenlarven zu beurtheilen. Vor Allem darf nicht über­sehen werden, dass die Umkleidung der Larven aus einer Chitinsubstanz besteht, die gegenüber der Digestionsschleimhaut indifferent ist. Es ent­steht daher durch das Schmarotzerthum der Larven keine entzündliche Reizung in der Schleimhaut. Die ältere Vorstellung von dem Zustande­kommen einer traumatischen Entzündung des Magens oder der Rachenr höhle resp. des Kehlkopfes ist nicht berechtigt. — Die Larven unter­halten auch durch ihren Sitz in der Mucosa nur eine ganz geringfügige Granulation, von deren Product sie leben. Wenn sie demnach auch in grosser Zahl sich ansiedeln, so können sie doch die Gesundheit der Wohnthiere durch Entziehung von Albuminaten nicht beeinträchtigen.

Die Richtigkeit der vielverbreiteten Ansicht, dass die im Magen schmarotzenden Bremsenlarven zuweilen eine Kolik verursachen sollen, muss ich nach den Erfahrungen der thierärztlichen Praxis und nach eingehender Prüfung der literarischen Publi-cationen in Abrede stellen. Aus der ganzen Lebensweise der Larven lässt sich kein Moment ableiten, welches bei der Pathogenese einer Kolik von Einfluss sein könnte. — Auch die Meinung, dass die in der Pylorushälfte des Magens und im Duodenum angesiedelten Larven bei Fohlen eine chronische Gastrosis mit krankhaftem Appetit­mangel bedingen sollen, ist thatsächlich nicht zu begründen. Mindestens spricht Nichts dafür, dass die gewöhnliche Lebensweise der Larven eine krankhafte Reizung der Magenschleimhaut veranlassen kann.

Von Durchbohrungen des Magens und des Zwölffingerdarms durch die Larven und der consecutiven Entwickelung einer tödtlichen Peritonitis ist seit mehr als 100 Jahren in der Literatur — allerdings nur nach den Befunden in vereinzelten Fällen — berichtet worden. Numann (vergl. Magaz., 1838, S. 73) constatirte eine solche Durchbohrung bei einem Pferde, welches in Folge eines Nageltrittes an einem „faul-fieberartigen Zustand" erkrankt und gestorben war. Er folgerte hieraus mit Recht, dass die Durchbohrung nur deshalb habe stattfinden können, weil die Magenwandung krankhaft verändert gewesen sei. Gerlach (Gerichtl. Thierh., 2. Aufl., S. 660) tritt dieser Auffassung bei und bemerkt zugleich, dass die Larven bei allgemeinen Er­krankungen der betreffenden Pferde kurz vor dem Tode und selbst erst nach dem Tode den Magen durchbohren können. Ich habe einmal bei der Section eines an Kolik ver­endeten Pferdes eine Bremsenlarve in der Bauchhöhle gefunden, aber die Stelle, an welcher dieselbe den Magen oder Darm durchbohrt hatte, nicht nachweisen können. * Es war auch kein Mageninhalt in die Bauchhöhle gedrungen. Ebensowenig bestand eine Peritonitis. Hiernach muss ich die Ansicht'Ger lach's für zutreffend halten. Mit thatsächlichen Gründen lässt sich die Meinung, dass die Penetration der Larven in die Bauchhöhle als Ursache einer tödtlichen Krankheit bei Pferden angesehen werden könne, nicht aufrecht halten.

Sehr oft ist in der neueren Literatur auf den von Hertwig (Magaz., IV., 1838, S. 74, Anmerkung) beschriebenen Krankheitsfall exemplificirt worden. Ein acht­jähriger Wallach war innerhalb eines Tages von einer allgemeinen Krankheit befallen, die als ein „rheumatisch-gastrisches Fieber" diagnosticirt wurde (Appetitmangel und ödematöse, schmerzhafte Anschwellungen unter dem Bauche und an den Gliedmassen). Am 5. Krankheitstage starb das Pferd unter den Symptomen einer inneren Verblutung. Bei der Section fand sich der Magen mit Blut gefüllt, „welches zum Theil geronnen und in seine Bestandtheile geschieden war". Auf der Schleimhaut sassen an mehreren Stellen die Larven in Häufchen nebeneinander; an anderen Stellen fanden sich die Vertiefungen, in welchen Larven gesessen hatten. Zwischen den Häuten des Magens lag ein Abscess von der Grösse einer flachen Hand. Als in die Kranzarterie Wasser eingespritzt wurde, kam dasselbe aus den Oeffnungen in der Magenschleimhaut heraus. Hertwig bemerkt hiernach: „Man kann also annehmen, dass die daselbst befindlich gewesenen Larven die Wände der betreffenden Gefässe durchnagt und so eine innere Verblutung und den Tod herbeigeführt haben". — Ich halte dafür, dass diese An­nahme nicht zutrifft. Der Krankheitsfall ist überhaupt nicht genügend aufgeklärt, um ihn mit Sicherheit beurtheilen und den Ursprung des im Magen gefundenen Blutes bestimmen zu können. Ganz unzulässig ist aber die Deutung, dass die Larven die Blutgefässe durchgenagt hätten. Seit der Zeit, als Hertwig die Bremsenlarven für den tödtlichen Ausgang des gedachten Krankheitsfalles beschuldigte, sind 50 Jahre, vergangen. Niemals ist aber nachher ein ähnlicher Befund ermittelt worden. Es er­scheint deshalb die in zahlreichen Schriften der neueren Zeit verbreitete Behauptung nicht berechtigt, dass das Schmarotzerthum der Larven zuweilen eine erhebliche oder tödtliche Magenblutung herbeiführen soll.

Eine Verwachsung des Magens mit benachbarten Organen mag in seltenen Fällen durch das Vordringen der Larven in die Subserosa des Magens entstehen können. Aber es ist nicht bekannt, dass hierdurch eine Störung der Gesundheit oder gar der Tod der betreffenden Pferde veranlasst werden könnte. Schliepe (Magaz., 1859, S. 402) fand bei einem zwölfjährigen Pferde, welches unter den Symptomen einer Rückenmarkslähmung plötzlich erkrankte und als unheilbar getödtet wurde, den Magen an der grossen Curvatur im Umfange eines silbernen Fünfmarkstückes mit der. Bauchwand verwachsen. In der divertikelartigen Fortsetzung der Magenhöhle sassen mehrere Gastruslarven. Im Uebrigen war der Magen nicht krankhaft verändert. — Bruckmüller (Vierteljahrssohr., XIII., Wien 1859, S. 141) und Roioff (Magaz., 1868, S. 180) constatirten in je einem Falle einen Abseess im Milzmagenbande, wie sich derselbe nicht selten als Metastase im Verlaufe der Druse bildet. Zwischen dem Abscesse und der Magenhöhle befand sich eine offene Communication und in der Abscesshöhle eine Bremsenlarve. — Auch in diesen Fällen kann die Todesursache nicht in dem Parasitismus der Larven angenommen werden.

Die Bremsenlarven, welche sich eine kurze Zeit am After festsetzen, verursachen bei den Pferden zuweilen eine juckende Empfindung. Aber ich habe nie gefunden, dass die Thiere deshalb auf den Mastdarm resp. auf die Kothentleerung drängten. Die Folgerung Hertwig's (Mag., 1838, S. 81, Anmerk.), dass bei einem Pferde die Reizung der Larven zu heftigem Drängen and hierdurch zu einem Mastdarmvorfall geführt habe, halte ich nicht für zutreffend. Der Prolapsus war jedenfalls durch andere Ursachen entstanden.

Vor etwa 60 Jahren berichteten französische Thierärzte, dass die Larven in der Rachen- und Kehlkopfschleimhaut eine schwere Halsbräune mit tödtlichem Ausgange herbeigeführt hätten. Mit einer bedingten Zustimmung zu diesen Mittheilungen meinte F.- Günther (Zeitschr. von Nebel und Vix, L, 1834), dass die Larven nach der vollständigen Ausbildung heftigen Husten (Krampfhusten) verursachen sollten. Nach vielfachen Erfahrungen muss ich diese Meinungen für irrthümlich erklären. Die Rachenschleimhaut ist gegenüber der Lebensweise und der Beschaffenheit der Larven ebensowenig vulnerabel, wie der Magen. Im Kehlkopfe sitzen die Larven (1—5) stets dicht oberhalb der Stimmbänder resp. der Morgagni'schen Taschen. Unrichtig ist die Ansicht, dass die Kehlkopfschleimhaut in dieser Gegend besonders empfindlich sein soll, so dass die Anwesenheit der Larven einen chronischen Husten auslösen müsse. Die thatsächliche Erfahrung und das Resultat der von Kohts (Virchow's Arch., 60. Bd., 1874, S. 194) über die Empfindlichkeit der Kehlkopfschleimhaut angestellten Experimente beweisen das Gegentheil. — F. Günther (1. c.) vermuthet ferner, dass die Larven im Kehlkopf in seltenen Fällen die Ursache des Kehlkopfpfeifens abgeben sollen. Ich habe niemals Gelegenheit gehabt, dies zu constatiren und mir ist auch aus der Literatur keine gesicherte Beobachtung, welche die Ansicht Günther's unterstützen könnte, bekannt geworden. So nahe dieselbe liegt, so kann sie als thatsächlich begründet doch nicht gelten.